Objekt des Monats Februar

Untertageschild aus dem 4. Revier des VEB Steinkohlenwerk Oelsnitz (Erzgeb.)

Ein durchschnittlicher Arbeitsweg von 10 km ist heutzutage mit unzähligen Schildern gesäumt: Werbeschilder, Warnschilder, Hinweisschilder, Infoschilder. Der Großteil davon dient der Orientierung und einem reibungslosen Ablauf des Straßenverkehrs. Nicht anders sah es unter Tage in den Steinkohlenrevieren Sachsens aus. Zwar fanden sich hier keine Werbeplakate, allerdings waren die Strecken gleichsam mit Hinweis- und Warnschildern bestückt. Die langen und weitverzweigten Verbindungen sorgten für enorme Entfernungen. Nicht wenige Bergmänner benötigten teilweise eine Stunde vom Einfahren in den Schacht bis zur tatsächlichen Wirkungsstätte.

Das Objekt des Monats Februar war somit für die Orientierung notwendig. Das Schild mit der Aufschrift „433 Gesteinsberg“ war einer der vielzähligen „Wegweiser“ unter Tage. Angebracht am Ausbau, zeigte es für jeden Bergarbeiter, dass hier eine Verbindung zu einem bestimmten Ort führt. Das Wort „berg“ verweist dabei auf einen An- oder Abstieg, also ein Gefälle entlang der Strecke. Die erste Zahl der dreistelligen Nummer bezieht sich auf das 4. Revier. Der Grubenbetrieb war in mehrere, ordnende Reviere unterteilt und diese waren wiederum mit Nummern versehen. Dies war vor allem auch nötig, um sich auf den großen Risswerken der Schächte, dem ‚Navi‘ für unter Tage, orientieren zu können.

Eine Umnutzung der ganz anderen Art erfuhr das abgebildete Objekt nach der Einstellung des Steinkohlenbergbaus im Lugau-Oelsnitzer Revier. Die ausgesägte Ecke am linken Rand lässt eine unkonventionelle Neunutzung vermuten. Doch genau diese Ecke macht das Schild zu einem besonderen Stück und damit zum Objekt des Monats. Familie Schwind aus Niederwürschnitz übergab erst kürzlich einen ganzen Stapel derartiger Untertageschilder an das Museum.  Beim Ausräumen des Nachlasses vom Vater von Frau Schwind war ein selbstgebautes Regal zum Vorschein gekommen. Die Regalböden bestanden allesamt aus den abgebildeten Untertageschildern.

„En Bergma passiert nischt!“ An diesen Satz ihres Vaters erinnert sich Frau Schwind noch genau. Besonders, da Gerhard Seidel (1933-2019) erst im vergangenen Jahr seine „letzte“ Schicht fuhr und Zeit seines Lebens im Geiste „Bergma“ geblieben war. Bis 1968 war er auf Karl-Liebknecht-Schacht eingefahren, hatte dann umgeschult und im Buchungsmaschinenwerk als Obermeister bis zur Rente gearbeitet. Viele Jahre wohnte der vierfache Familienvater in der Bergarbeitersiedlung an der Willibald-Emmrich-Straße in Neuoelsnitz und zog später nach Niederwürschnitz um.

Für eine museale Sammlung in deren Zentrum die Objekte stehen, sind gerade Exemplare wie das abgebildete von besonderem Wert. Das sind Objekte mit einer persönlichen Geschichte, also mit einem ganz individuellen Bezug zum – in unserem Fall – sächsischen Steinkohlenbergbau und dem hiesigen Revier. Vielleicht entdeckt der ein oder andere zukünftige Besucher im Anschauungsbergwerk des 2023 neu eröffnenden Bergbaumuseums Oelsnitz/Erzgebirge ja ein Schild mit einem Schönheitsfehler und erinnert sich dann an dessen Geschichte?

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